Vom Angsthasen zum Verlasspferd – Tipps gegen Unsicherheit im Gelände

Vom Angsthasen zum Verlasspferd – Tipps gegen Unsicherheit im Gelände

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Viele Pferde sind im Gelände unsicher und schreckhaft. Dadurch werden auch ihre Reiter ängstlich und plötzlich ist man sich gar nicht mehr sicher, wer sich eigentlich mehr vor der alten Badewanne auf der Kuhweide, den Holzhaufen am Wegrand oder den entgegenkommenden Kinderwägen fürchtet. Je nach Reaktion ist die Angst grösser oder kleiner – wenn ein Pferd nur ‚einfach nicht vorbei will‘, ist das weitaus weniger gefährlich, als wenn ein Pferd direkt kehrt macht und blind losrennt. Chupa beispielsweise hatte früher schreckliche Angst vor Kühen und ist dann oft gestiegen. Heute kann ich am langen Zügel an einer Kuhweide vorbeilaufen und muss mir keine Sorgen machen, dass sie sich erschrecken könnte. Für Amerzio kann im Gelände alles gefährlich sein, vor allem aber alles, was am Boden liegt. Trotzdem kann ich beim Ausreiten entspannen, weil ich weiss, dass ich ihn immer unter Kontrolle habe und wie ich reagieren muss. Damit auch ihr im Gelände sicher werdet und Ausritte geniessen könnt, habe ich Tipps für Pferd und Reiter zusammengefasst, die euch auf dem Weg zum entspannten Ausreiten helfen sollen.

 

1. Zu zweit ins Gelände

Junge und unerfahrene Pferde gewöhnt man am besten ans Gelände indem man zu zweit ausreitet. Dabei ist wichtig, dass das zweite Pferd ruhig ist und von einem sicheren Reiter geritten wird, da sich die Pferde sonst gegenseitig verunsichern können. Eine Begleitung zu haben gibt aber nicht nur dem Pferd Sicherheit, sondern auch dem Reiter. Das Pferd kann sich am Kumpel abschauen, ob eine Situation gefährlich ist oder nicht. Signalisiert ihm der Kumpel keine Aufregung, bleibt es wesentlich ruhiger und lernt so von Beginn an, dass man auch neben Planen, Regenschirmen und so weiter cool bleiben kann. Ein nervöser Reiter kann von scheinbar gefährlichen Situationen abgelenkt werden, wodurch auch das Pferd automatisch ruhiger bleibt. Für viele ist es ausserdem beruhigend, dass bei einem Unfall sofort jemand zur Stelle wäre, der entsprechend handeln kann, sollte man dazu selbst nicht in der Lage sein. Zu zweit auszureiten macht abgesehen von der zusätzlichen Sicherheit übrigens auch super viel Spass! Sollte sich kein Ausreitpartner finden, kann ein Reiter auch problemlos von einem Radfahrer oder Spaziergänger begleitet werden, wobei das Tempo natürlich etwas angepasst werden muss.

 

2. Einen kühlen Kopf bewahren

Super wichtig ist es als Reiter immer möglichst ruhig zu bleiben. Wer schon panisch wird, sobald er eine ungewohnte Situation kommen sieht, wird ganz sicher Probleme bekommen. Es ist unglaublich, wie schnell Pferde die Ängste ihres Reiters bemerken und entsprechend selber Angst bekommen. Hingegen bleiben Pferde ruhiger, wenn der Reiter ihnen signalisiert, dass alles in Ordnung ist. Um ruhig zu bleiben tief und ruhig atmen, den Sitz von oben bis unten kontrollieren, im Rücken locker bleiben, Hände ruhig halten und die Beine mit etwas Druck am Pferd lassen. Ausserdem jegliche negative Gedanken aus dem Kopf löschen und positiv denken: Wir schaffen das!
Zu diesem Punkt gehört auch, dass man die Geduld bewahren muss, wenn das Pferd beispielsweise an einer Stelle nicht vorbei will. Manchmal muss man fünf Minuten probieren, bis das Pferd sich ein Herz fasst und vorbeiläuft. Das mag mühsam sein, allerdings ist es kontraproduktiv, dem Pferd Druck zu machen und ungeduldig oder wütend zu werden.

 

3. Regelmässig Ausreiten

Je regelmässiger man ausreitet, desto selbstverständlicher wird es für Pferd und Reiter. Auch wenn es anfangs Überwindung kostet, sollte man sich mindestens einmal pro Woche ins Gelände begeben, da es für Pferd und Reiter eine tolle Abwechslung ist. Wer nur selten ausreitet und jedes mal mit vielen neuen Herausforderungen konfrontiert wird, hat viel mehr Stress als jemand, der wöchentlich oder sogar mehrmals pro Woche ins Gelände geht. Die Pferde gewöhnen sich mit der Zeit daran, sich auch von neuen Dingen nicht beeindrucken zu lassen. Das ist übrigens nicht nur im Gelände sondern auch auf dem Turnierplatz sehr nützlich, da man auch dort häufig auf neue Situationen trifft.

 

4. Nicht ausweichen, flüchten oder abbrechen

Einen grossen Fehler, den leider einige Reiter begehen, ist vor Situationen auszuweichen, in denen sie schlechte Erfahrungen gemacht haben. Wer zum Beispiel ein Pferd hat welches sich vor Hunden fürchtet und jedes Mal kehrt macht, sobald ihm ein Hund entgegen kommt, programmiert sein Pferd darauf, dass man vor Hunden weglaufen muss. Er signalisiert seinem Pferd quasi „Achtung, gefährliche Situation, flüchten!“ Stattdessen sollte man ruhig bleiben und das Pferd entspannt neben dem Hund vorbeireiten. Auch wenn es sich vor einer bestimmen Sache, beispielsweise einer Bank oder einem Holzhaufen immer wieder erschreckt und nicht vorbei will, sollte man seinen Reitweg so wählen, dass man der ‚Gefahr‘ regelmässig begegnet, bis das Pferd sich daran gewöhnt.
Ein riesiger Fehler ist auch, aufzugeben und nach hause zu reiten, wenn das Pferd irgendwo nicht vorbei will. Wenn man einmal daran vorbei will, muss man so lange üben, bis man auf der anderen Seite ist. Vorher darf man nicht aufgeben, denn je öfter man die Angst gewinnen lässt, desto schwieriger hat man es beim nächsten Mal. Dabei sollte man nicht grob und hektisch werden, sondern muss ruhig und konsequent bleiben.

 

5. Nicht absteigen (oder nur im äussersten Notfall)

In diesem Punkt werden sich wahrscheinlich nicht alle mit mir einig sein. Jedoch bin ich der Meinung, dass man im Gelände grundsätzlich nie aus dem Sattel steigen sollte. Dazu kann ich aus persönlicher Erfahrung sagen, dass ich in meinem ganzen Reiterleben noch NIE im Gelände abgestiegen bin, um mein Pferd zu führen. Trotzdem bin ich aber durch jede Situation durchgekommen. Ein Pferd muss während dem Reiten genau so viel Vertrauen haben, wie wenn ich es führe und es ist keine Lösung, sich jedes Mal aus dem Sattel zu schwingen, wenn Flicka nicht will. Ein Beispiel aus der Praxis: An einem Stall an dem ich früher geritten bin (für Interessierte: Meine Reitgeschichte Teil 1) gab es einige Mädchen, die bei jeder Gelegenheit sofort vom Pferd gehüpft sind. Natürlich haben die Pferde verstanden, dass sie nur einmal mit den Ohren wackeln müssen und schon steigt der Reiter ab. Wenn man sie dann mal vorbei reiten wollte, waren sie total bockig. Man schafft sich damit also nur selbst Probleme und es gibt genug Momente, in denen man nicht einfach Absteigen kann.
Zusätzlich sehe ich es als viel gefährlicher an, neben einem Pferd zu gehen als auf einem Pferd zu sitzen. Gerade wenn sich das Pferd fürchtet, ist man im Sattel viel sicherer als neben ihm. Unsere Lieblinge sind Fluchttiere, das heisst, dass sie bei Gefahr flüchten und ganz bestimmt nicht mehr auf die zarten Füsse des Menschen achten. Sie schrecken auch nicht davor zurück, ihn umzurennen wenn er am falschen Ort steht. Natürlich machen sie das nicht aus bösem Willen und einige mögen ihre Pferde vom Boden aus an allem vorbeiführen können. Ich sehe es allerdings so an, dass man sich damit nur unnötig selbst in Gefahr bringt und am Ende verletzt auf dem Weg sitzt, während das Pferd über alle Berge ist.

 

6. Gucken lassen

Häufig hat man das Gefühl, man müsse an etwas Gefährlichem möglichst schnell vorbei und es weit hinter sich lassen. Viel effektiver, als sein Pferd nur daran vorbei bringen zu wollen, ist es aber, dem Pferd die vermeintliche Gefahr in aller Ruhe zu zeigen. Dabei dürfen die Zügel auch mal lang werden und das Pferd darf den Hals danach ausstrecken. Ohne stark Druck zu machen kann man seinem Pferd so Dinge zeigen und es wird schnell merken, dass die Gefahr eigentlich ganz harmlos war. Amerzio läuft zum Beispiel nicht gerne durch Pfützen. Nachdem es stark geregnet hat war auf einem Waldweg eine Stelle überschwemmt. Die Pfütze war mehr als einen Meter breit und zwanzig Zentimeter tief. Zusätzlich kam von der rechten Seite ein kleines Bächlein in die Pfütze. Anstatt ihn darüber springen zu lassen wie sonst oft, habe ich ihn diesmal langsam an die Pfütze heran und schliesslich hinein geführt. Als er mit den Vorderhufen mitten im Wasser stand, habe ich die Zügel lang gelassen. Er war zuerst skeptisch und hat sich das Wasser und das Bächlein genau angeguckt. Nach wenigen Augenblicken hat er dann aber mit dem Wasser zu spielen und zu plantschen begonnen! Auf dem Heimweg mussten wir noch einmal durch eine lange Pfütze und er ist ohne zu zögern sofort durchgelaufen.

 

7. Gerte und Sporen zuhause lassen

Bei einigen Pferden mag es unumgänglich sein, aber grundsätzlich bin ich der Meinung, dass Gerte und Sporen im Gelände nichts verloren haben. Beim Ausreiten sollen sich Pferd und Reiter entspannen und Spass haben. Man sollte sein Pferd wenn es sich fürchtet sowieso nicht mit einer Gerte nach vorne jagen. Die Sporen für das Verfeinern der Hilfen sind im Gelände ebenfalls nicht nötig, dort werden selten Lektionen geritten. Statt diesen üblichen Hilfsmitteln sollte man viel lieber auf die Stimmhilfe zurückgreifen. Viele Reiter (auch ich) vergessen immer wieder, dass die Stimme einen grossen Einfluss auf das Pferd haben kann. Ein paar ruhige Worte reichen aus, damit sich das Pferd entspannt und auf den Reiter konzentriert. Ähnlich verhält es sich, wenn man sein Pferd krault. Man kann ohne die Zügel loszulassen den Hals und den Widerrist kraulen, wodurch die meisten Pferde sofort ruhiger werden.

 

Wer mehr übers Ausreiten lesen möchte, dem empfehlen ich DIESEN Blogpost.

 

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